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2020, was für ein Jahr!

9. Dez. 2020, Corona Lockdown

Ein Jahr in Quarantäne
Sie kam vom Land, von einem kleinen Bauernhof. Das Leben war hart in den Nachkriegsjahren im Allgäu. Gerne wäre sie Schneiderin geworden, eine Ausbildung blieb ihr verwehrt, sie half am Hof mit.
Wie so viele ging sie in die Schweiz, Geld verdienen in einem Haushalt. Geschäftsleute konnten sich die billigen Arbeitskräfte leisten. Auch sie wurde ausgenützt und von oben herab behandelt, die Deutsche. Beim Tanz lernte sie ihren zukünftigen Mann kennen, einen Schweizer; ein Maurer, zusammen würden sie es schaffen. Das Geld war knapp. Bald nach der Hochzeit kamen Zwillinge zur Welt, schnell folgte ein weiteres Mädchen nach. Alle Hände voll zu tun; stillen, Windeln waschen; die Schwiegermutter war keine Hilfe, die eigene Familie zu weit weg!
Sie war müde, sie hustete, sie hatte ein bisschen Fieber. Die Diagnose war niederschmetternd: Tuberkulose! Die Zwilling 2 Jahre alt, das kleine Mädchen 6 Monate, es wurde noch gestillt.
Die Mutter und die Kleine kamen fort, in Therapie – in Quarantäne. Der Säugling in das Kinderspital, die Mutter ins Sanatorium nach Clavadel bei Davos, weit weg!
Der Vater musste für alle sorgen, weiter arbeiten, die Familie irgendwie zusammenhalten.
Der Bauernhof mit der großen Verwandtschaft war in der Ferne. Die Zwillinge kamen zur strengen Schwiegermutter. So konnte der Vater seine Kinder regelmäßig sehen und die Kleine im Spital besuchen. Die Reise zu seiner jungen Frau war lang und nur selten möglich.
Sie lag im Sanatorium wie so viele andere damals, getrennt von ihrer Familie. Die einzige Therapie war die Bergluft und eine kalorienreiche Ernährung. Die Sterberate war hoch.
Warten und weiter zu leben für die Kinder und den Mann.
Nach vielen Monaten im Sanatorium überraschte sie der Arzt mit der Vorhersage „sie werden gesund“! Sie glaubte daran, endlich, es gab Medikamente!
Nach einem Jahr durfte sie zurück. Sie war nach der Kur doppelt so schwer. Diese Last trug sie ihr Leben lang. Sie müssen regelmäßig in Kontrolle, sie dürfen nicht schwer arbeiten, sagten die Ärzte.
Sie bekam ihre 3 kleinen Kinder zurück, das Jüngste konnte noch nicht laufen obwohl es schon 18 Monate alt war. Sie soll sich schonen…!
Im Lauf der Jahre wurde die Geschichte uns Kindern immer wieder erzählt.
Sie interessierte uns nicht besonders. Diese Zeit war für uns vorbei.

Jetzt nach über 60 Jahren, während der Coronapandemie, denke ich wieder daran, ich bin das Zwillingsmädchen von damals.
Ich hätte noch so viele Fragen!

Anneli Ringer geb. Mörgeli